Sandro von Lorsch - Expressionist, Europäer, Exzentriker

Eine Recherche von Holger Stienen


Moulin Rouge (1955)

Verhaftung durch Gestapo, Flucht, Prag, Budapest, Paris, SO- England und Kriegszeit

Es gibt inzwischen einige Hinweise auf den Verbleib des Malers in der unmittelbaren Vorkriegs- und Kriegszeit. In einem Artikel aus dem Mailänder Libera Stampa von 1957 wird davon gesprochen, dass v. Lorsch selber länger inhaftiert war (wohl Hamburg) wo und wie lange ist nicht erwähnt. Dann wurde er dennoch eingezogen, unter Kommando eines Kompaniechefs Dr. Neuhäuser (zuvor RA in Hamburg), entging der Berufung aber offensichtlich, nachdem der Versuch gescheitert war, sich für unzurechnungsfähig erklären zu lassen.


Vermutlich 1937/38 war er nach dieser Quelle zunächst in Prag im Umfeld Kokoschkas ("Kokoschka- Schüler" lt. dem damaligen Kunsthistoriker Prof. Dr.G.L.Luzzato), es gibt sowohl Prag- Bilder wie auch solche aus Budapest, letztere aber v. Lorsch zufolge "aus der Erinnerung gemalt". Die Prag- Bilder ähneln jenen Kokoschkas. 1937 waren in Deutschland Bilder durch die Nazis als "entartete Kunst" verbrannt worden, alleine 5000 in Hamburg. Darunter viele der kontemporären Künstlerelite. Kokoschka besaß bereits das tschechische Heimatrecht. V. Lorsch konnte ein solches offenbar nicht erlangen. In Prag agierten zahlreiche Komitees zur Unterstützung deutscher Emigranten, namentlich Künstlern. Es wurden Ausstellungen organisiert. Viele lernten Tschechisch, aber verließen das von den Nazis bedrohte Land bald wieder.

Daher reiste auch v. Lorsch nach Budapest und erhielt dort einen ungarischen Pass. Ungarns Regierung orientierte sich zwar einerseits gen Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner. Dennoch wurde der Demokrat Paul Teleki (der sehr gebildet war und seinen Adelstitel Graf Paul Teleki von Szek nicht führte) 1938 erst Kulturminister und 1939 Ministerpräsident (Selbsttätung mit Kriegseintritt Ungarns 1941). Von Lorsch besaß noch mehr als 15 Jahre nach Kriegsende die doppelte Staatsbürgerschaft. Wahrscheinlich hat er sich relativ kurz in Ungarn aufgehalten (Ölbilder von dort wurden wohl erst später nach Skizzen angefertigt) und kännte dann über Österreich, Schweiz, Italien und Frankreich nach England ausgereist sein. Es gibt Hinweise auf seine Malerei in Paris, ein Bild 1939 Kohlekähne mit Kraftwerk Paris Sud. In diesem Jahr lernt er den Maler Chaim Soutine kennen, der ein Atelier mit Chagall betreibt. Soutine wird ihm zum väterlichen Freund und "sein großes Vorbild", wie er später gegenüber Herrn und Frau Eggers, Großhansdorf, betont. Der Führer des Widerstands General De Gaulle floh im Juni 1940 nach London.

Spätestens jetzt verlässt auch v.Lorsch Frankreich auf die Insel. Wenn es ihm materiell besonders schlecht ging, malte er, immitierend, Soutines drei magere Heringe mit zwei Gabeln, in denen sich jener selber seiner eigenen schlechten Zeiten erinnerte. Auch Kokoschka war dann ja in der Kriegszeit in SO- England, in Cornwall, später Schottland und London, auf (1939-1953). Auch v. Lorsch malte in Südengland. U.a. Stationen Salisbury, Southampton (wichtigster Hafen für Nazi-Flüchtlinge bes. über Frankreich), Portsmouth; Zeichnungen liegen teilweise stark vergilbt aber leider undatiert als Belege vor. 1940 wurde die englische Ostküste für die britische Kriegsmarine geräumt. Eventuell ging v. Lorsch dann nach London. Jedenfalls gibt es London-Bilder von ihm. Wahrscheinlicher jedoch ist die Ortschaft Stockbridge in Hampshire 110 km nordwestlich von London, von dort liegen Skizzen von ihm vor, ebenso aus dem nahen Dorf North Houghton und anderen Teile Wiltshires wie auch von Salisbury und Dundas, letztere aus der Nachkriegszeit, denn mindestens noch ein Mal, 1956, reiste er noch nach England, auch an die Ostküste und ihr Hinterland. Dort malte er in der reizvollen Hügellandschaft wohl auch auf gräßeren Farmen (Bullenbild) und beim Landadel. 2015 erschienen drei Artikel dort über ihn, im Southampton Daily Echo und dem südenglischen Lifestyle- Magazin Society und Salisbury Journal. Es gibt auch Hinweise auf einen Aufenthalt in Middlesex närdlich von London. Das Interesse an England schien bei v. Lorsch immer und schon in der Jugend dagewesen zu sein und ging offenbar über ein rein künstlerisches hinaus. Es gibt Hinweise darauf, dass er unmittelbar vor Kriegsbeginn Bilder in Frankreich nicht mehr signiert hat. Das dürfte auch für viele Englandbilder in den Kriegsjahren zutreffen, wie auch auf Vorkriegsbilder in Paris.