Sandro von Lorsch - Expressionist, Europäer, Exzentriker

Eine Recherche von Holger Stienen


Ölhafen Hamburg (ca. 1980)

Stil- vom Gegenständlichen zum Expressionistischen und darüber hinaus

Er war, nach Stand der Recherchen, zunächst Autodidakt und malte schon als Jugendlicher und vor dem Krieg, was seine damaligen Nachbarn bestätigten. Sicherlich hatte er privaten Mal- und Zeichenunterricht. Für ein Semester finden wir ihn an der Kunstakademie Dresden eingeschrieben. Auch gegenüber den Nazis nannte er als seinen Beruf: Maler. Und als er eingezogen werden sollte erklärte er: "Ich bin doch Maler und kein Soldat". Was ihm viel Ärger und Schläge einbrachte und ihn schließlich abtauchen ließ (s.v. bei Kokoschka in Prag und dann über Budapest).


Möglicherweise vernichteten die Nazis auch seine Bilder, jedenfalls jene, derer sie habhaft werden konnten. Aus der Zeit vor 1945 sind bisher nur zwei (H. Lorsch signiert, das andere mit verkehrtem L in Schreibschrift, Kohlekähne, Paris 1939) von ihm bekannt und möglicherweise einige undatierte Skizzen aus Südengland. In seiner kurzen Paris- Zeit 1939/40 lernt er den Maler Chaim Soutine (1893- 1943) kennen. Dieser wird ihm zum großen Vorbild (Soutine malte im Atelier u.a. mit Chagall, Leger und Modigliani, dessen Freund er ist- Picasso ist sein guter Bekannter- seine Werke erzielten damals schon Höchstpreise, heute im zweistelligen Millionenbereich). Wie kein anderer vereint er die klassische Malerei Frankreichs mit der Moderne.

Seine großen Vorbilder waren Cezanne aber auch Rembrand und der düstere Goya. Soutine erzielte schon damals für seine Bilder Höchstpreise (spätere Auktionen bis 25 Mio. Euro). Von Soutine schaute sich v.Lorsch wohl die Techniken ab, Licht in Dunkelheit und Nacht zu bringen. Waren von Lorschs Bilder zunächst gegenständlich, Ölbilder wie Aquarelle und Zeichnungen nahmen sie jetzt expressionistische Elemente auf, wobei die Motive aber zunächst immer erkennbar blieben. Anlässlich seiner Ausstellung in der Hamburger Gallerie Commeter schrieb ey im Hamburger Abendblatt am 27.7.1951: "Spontan sind die Bilder hingeworfen, gegenständlich und voller starker farbiger Spannungen. Immer wieder ist es ein bestimmter Akkord von hitzigem Blau-Gelb-Orange-Rot, Grün., der explosiv alles durchbricht, was an stilleren, weniger dramatischen Wirkungen die Landschaft des Nordens in sich trägt. Jede Kühlung durch graue Töne fehlt, und ein Schwarz sucht man vergebens. Dieser Überschwang hat etwas Heftiges, Ungestümes, man möchte sagen südöstlich Grelles. Aber es fesselt und kommt aus einer natürlichen Begabung., die wohl noch einiges zu sagen haben durfte." Oft malte er im Atelier nach Bleistiftskizzen und Kohlezeichnungen, die er vor Ort angefertigt hatte. Bisweilen aber einfach nur aus "seinem fotografischen Gedächtnis heraus" (RA Eggers). Besonders die Landschaftsbilder bekamen nun oft eine genuine Perspektive und bisweilen im Detail schalkhafte Anmutung. Der Maler zog Randmotive außerhalb des Blickwinkels (Fishey- Objektiv -artig) in den Bildkontext, beließ sie aber nicht als kleinere Randmotive sondern gab ihnen eine gleiche Stellung wie den Objekten im Zentrum der Gemälde. In anderen Bilder, wie z.B. den Wellen vor Sylt , kommt eine starke 3-D- Perspektive zum Tragen. Diese Eigenarten geben seinen Bildern eine eigentümliche Einzigartigkeit ebenso wie die stark überhöhte oder gänzlich verfremdende Farbgebung, die schon in seiner gegenständlichen Zeit nach dem Krieg beginnt (Bild Reinbek Jahrmarkt Loddenallee- lila Eichenstamm, orangener Unterton, der Himmel eine Mischung aus pink/helllila oder die übersteigerten Farben schon im Bild des Bergedorfer Hafens von 1945 oder auch die türkis- farbenen Weintrauben in einem Stillleben) oder Wolken wie parzenhaft aufgeblasene Gesichter (Salisbury- Bild, dort Aufenthalt noch ein Mal 1956), die zart- farbenen Wirbel an Chagall erinnernd oder auch an Cezanne (z.B. Badende Frauen unter einer Brücke). Bisweilen scheinen die Gebäude und Türme zu tanzen. Den Zusammenhang von Wetter, Licht und Stimmung erkennt man besonders gut in seinen Hamburger Hafen- und Halligbildern, die an Nolde erinnern lassen. Ganz ähnlich und doch immer neu eingefangen- deshalb sind es auch keine "Kopien", wie mancher ihm schon zu Lebzeiten vorwarf. Wir werden das in einer späteren Ausstellung herausarbeiten. Die Objekte betreffend verließ er auch mehr und mehr die Parallelperspektive.

Gerne portraitierte er Menschen in Gasthäusern oder aus seinem Freundeskreis spontan in Form von Zeichnungen. Es liegen auch Selbstportraits vor. In den 70iger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann er auch gänzlich abstrakt zu malen, wie zahlreiche Ölbilder und Zeichnungen belegen. Wie Kokoschka spät, in England, das Malen mit Farbstiften für sich entdeckte, tat dies v. Lorsch bezüglich Ölkreidestiften. Andere Gemälde, wie besonders jene späteren aus der Schweiz, sind z.T. einem beinahe kubistischen Stil abgefasst, dazu zunehmend reduktionistischer. Waren sie doch früher ähnlich wie in den diversen Dorfansichten des frühen Cezannes, relativ realistisch und geordnet. In der Schweiz hatte er auch einen Kreis von Anhängern, Unterstützern und Sammler und er verkauft dort auch seine nicht vor Ort entstandenen Bilder. Mehrmals hielt er sich im Raum Lugano auf und malte gerne in und bei der Ortschaft Montagnola. Ein Zeitungsartikel von 1971 charakterisiert seinen Stil als "elementar und zugleich universal", ein anderer von 1959 bezüglich seiner Italienbilder als "frisch und temperamentvoll".


Montagnola, Tessin (ca. 1975)

Ein Kontakt bestand auch zum Krupp- Manager und Mäzen Berthold Beitz in Essen, der mehrere Bilder von ihm erworben haben soll, worüber bei der Stiftung Villa Hügel in Essen derzeit nachgeforscht wird. Seine Stiländerungen betreffend kann man sagen, dass diese nicht abrupt erfolgten, sondern sich zeitlich stark überschnitten: Gegenständlich 1934-1965, expressionistisch 1947-1985, abstrakt 1970-1991, oft große Bilder besonders farblich und großflächig an etwas Paul Klee erinnernd, aber eher dekorativ gehalten. "Seinen" Stil fand er sicherlich in der mittleren, expressionistischen, Phase. Sehr schön lässt sich die Entwicklung an Bäumen in seinen Bildern nachvollziehen, die er schon früh oft fast gerade aufragend, häufig im Winter, also ohne Blätter. Sind es anfangs noch die ganzen Bäume, sind dann auch Kronen ausgedünnt, nur noch wenige Äste; später dann sind es nur noch Stämme, die fast abstrakt, oft rot, dastehen, in karger Landschaft, die an Moore erinnert.

Da er sehr viel gemalt hat, im Gegensatz zu seinem Meister und langem Vorbild Kokoschka, gibt es eine Reihe seiner Bilder, die sehr "nachlässig" gemalt erscheinen, aber zweifellos auch einige hinreißende Meisterwerke wie etwa die Nachbilder von Hafen und Alster, von denen es nur sehr wenige gibt. Aber gerade wenn er Motive vielfach gemalt hat, fallen die qualitativen Unterschiede deutlich auf. Allerdings spielen bei v. Lorsch auch die Farben eine gegenüber den Motiven zunehmend bedeutendere Rolle, ihre Kraft und Originalität, so bricht das Sonnengelb förmlich durch die Wolkendecke, strahlen Häuser ziegelrot und lindgrün die oxidierten Kupferdächer der Hamburger Innenstadt oder rosa- wirbelnd der Himmel über dem Lago maggiore. Die in kräftigen Blautönen gehaltenen Ölbilder von Zell am See, nur Schatten von Ortschaft und Gipfeln, etwas an Corinths "Vierwaldstättersee" 1924 erinnernd. Ein antidepressives Kontrastprogramm zur grauen Realität jener Jahre aber ganz und gar passend zur Aufbruchstimmung im Mitteleuropa jener Zeit. Mal sind es die Stimmungen, Herbst, vor dem Sturm, am frühen Abend und mal die Objekte, die mehr im Vordergrund seiner Betrachtung stehen. Häufig interessierten ihn letztere als "Ensemble", nicht jene Gebäude, nicht jene Landschaft, sondern Gebäude in ihrer Umgebung als Kultur- oder Naturlandschaft, z.B. Katen am Weg bei Ohe (Gemarkung Reinbek), Reinbek am Rosenplatz, Bauernhäuser mit Mühle auf der Warft, Hamburg Großneumarkt mit Herbstbäumen, Häuschen am Moor, Zell am See mit Seeufer und Alpenpanorama, Pont Neuf mit Mon matre usw.. Auch in der Nacht ist diese nicht schwarz, noch grau, nein, sie leuchtet. Menschen tauchen in diesen Bildern teilweise gar nicht auf oder sind nur schattenhaft angedeutet. Wenn er Menschen malte, dann als Portraits oder bei ihren Beschäftigungen z.B Blumenbinderinnen im Geschäft Rahloff, Blankenese oder seine Freunde am Tresen im Gasthaus. Bis auf die Skizzen sind seine Arbeiten immer vorne signiert, zu ca, 80 % rechts: Lorsch, S.v. Lorsch, Sandro Lorsch, Sandro von Lorsch, Sandor Lorsch, H.Lorsch. Bei der Auflösung der Galerie Schwabroh am Jungfernstieg erzielten v.Lorschs Bilder Höchstpreise (vor Nolde und Schmidt-Rottluff lt. RA Egg., Großansdorf, v. Lorschs Anwalt). Auch die Direktion der Deutschen Bank in Hamburg kaufte mindestens ein Bild (fast abstr. Segelregatta, 70iger Jahre)

Auch zwei andere Quellen sagen, dass von Lorsch malerisch von Oscar Kokoschka beeinflusst war (s.v. Prag), der auch in den 60iger Jahren in Hamburg weilte und Bilder der Stadt und des Hafens sowie Kulissen für die Staatsoper malte. Einem Artikel aus dem Mailänder Libera Stampa 1957 zufolge war er tatsächlich Schüler Kokoschkas, das kann nur 1937/38 in Prag der Fall gewesen sein. Es gibt Prag Bilder von Lorschs, und eventuell malten die beiden später zusammen in der Hamburg, besonders am Hafen. Laut dieses Artikels gab es ein Bild Budapests, das er "aus der Erinnerung heraus" gemalt hatte. Exakt dieselbe Formulierung benutzte Kokoschka bezüglich seines letzten Prag- Bildes, das später in England entstand. Es gibt einen Hamburger Sammler, der jetzt in Spanien lebt, der von beiden Malern Bilder besitzt. Von Lorsch hatte laut Zeitzeugen auch guten Kontakt zum Direktor der Hamurger Kunsthalle, Herrn Hofmann, wie u.a. ein, bisher unzugänglicher, Briefwechsel belegt soll, den der Vermögensverwalter aber noch nicht veröffentlichen darf. Laut Herrn Bremer (Flottbek, Eidelstedt) hat dieser mindestens zwei Gemälde von Lorschs angekauft. Von Lorsch war auch für die Stadt Hamburg tätig und wurde beauftragt (Hamb. Abendblatt 1971), ein großes Ölgemälde für die damalige sogenannte "Schwimmoper" an der Sechslingspforte, zu malen, das dort in St. Georg offenbar seit 1973 hing, aber seit der Sanierung des Gebäudes spätestens seit 2007 als verschwunden gilt. Sein späteres Markenzeichen waren cognacfarbene Kamelhaarmäntel und stets elegante Bekleidung, d.h. Hemden mit immer frisch gesteiften Kragen, Manschettenknöpfen und Krawatte. Der Gelegenheitsraucher bevorzugte Lucky Strike. Der gläubige Katholik (malte häufig Kirchen/Kathedralen) ging öfter in ein Gotteshaus und tat Abbitte für seine Sünden (Affären, durchzechte Nächte…), indem er dort Kerzen entzündete und betete. Sehr getroffen hatte ihn die Trennung von seiner vierten Frau, der die drei Kinder zugesprochen wurden, die der kinderliebe Maler erst wiedersah, als sie 16 wurden. In jüngeren Jahren malte er auch sehr schlichte, fast stilistisch naive Marienbilder. Der stets gesunde und meist fröhliche Maler und Bohemien starb 1992 trotz notärztlicher Hilfe in Folge einer Nierenbeckenentzündung nach Monate langem Leiden in seinem Haus im Leinpfad 27 an der Außenalster in Gegenwart seiner letzten Frau. Trotz fünf Ehen und vieler Liebschaften war er aber wirklich wohl nur mit den Farben, seinen Farben, und geliebten Location verheiratet. Sein Anwalt Eggers, der ihm in seiner Kanzlei zeitweise ein Atelier einrichtete, beschrieb die Entstehung eines Bildes bei v.Lorsch als" einen Schöpfungsakt, der meist etwa fünf Minuten dauerte, in denen der Meister wie in Trance das Bild entwarf- dann sagte er ganz gelassen, der Rest ist handwerkliche Tätigkeit". Dennoch dauerte besonders die Farbgebung dann doch meist viel längere Zeit. Kurios ist auch, wie er öfter Bilder wieder übermalte, auch zurückverlangte und verbesserte, wütend war, wenn man sie ihm nicht gab, sie zurückkaufte, oder auch Bilder anderer Maler übermalte, besonders gleich nach dem Krieg- "die taugen nichts", pflegte er dann zu sagen, und: "Endlich hab ich wieder eine Leinwand".

Im Vorfeld der Ausstellung seiner Werke nach dem Krieg im Reinbecker Schloss ab dem 9. Mai 2015 wurden bis dahin etwa 300 Gemälde, meist in Öl, und fast ebenso viele Zeichnungen und Skizzen des Malers und deren Besitzer ausfindig gemacht. Die meisten in Norddeutschland, aber auch England, USA , Schweiz und Italien. Da v. Lorsch ständig malte und zeichnete, ist von wohl von über 10.000 Stücken aus seiner Hand auszugehen. Allerdings hat er etliche auch verworfen oder übermalt. Laut eines Familienmitglieds soll er sämtliche Bilder vor dem Verkauf fotografiert haben. Leider fehlt von diesem Archiv bislang jegliche Spur. Liegen die Startpreise der Bilder bei Auktionen heute eher im bescheidenen Bereich, zahlten Liebhaber im Einzelfall auch schon bis zu 10.000,- Euro. Schon in den 6oiger Jahren hatte er als Vorkasse für eine private Auftragsarbeit 5000,- DM erhalten, im Normalfall ca. 3000 DM. Bei der Auflösung des Auktionshauses Schwabroh in Hamburg in den 60igern erzielten v.Lorschs Höchstpreise auf dem Niveau von Schmidt-Rottluff (RA Eggers), das hieße ca. 100.000,- DM, heute ca. 50.000 EuroRut . V.Lorsch war damals in Hamburg sehr in Mode und galt als Starmaler. Das älteste bekannte Bild, Gehöfte in den Alpen, stammt von 1935/36, das als bisher spätestes bekannte, ein Halbakt, expressionistisch, von 1987, 2015 beim Antiquariat Weser in Bremen versteigert. Lt. RA Eggers soll er aber auch danach noch gemalt haben, wahrscheinlich bis kurz vor sein Lebensende.