Sandro von Lorsch - Expressionist, Europäer, Exzentriker

Eine Recherche von Holger Stienen


Die Bille bei Bergedorf (1972)

Reinbek

Von Lorsch lebte dann unmittelbar nach dem Krieg (bereits 1945- Hafenbild Bergedorf) etwa 10 Jahre lang im Raum Reinbek, Wentorf, Bergedorf, was durch Zeitzeugen und seine Bilder belegt ist. Offenbar gelang ihm die Rückkehr im unmittelbaren Gefolge der britischen Truppen. Für diese arbeitet er, mehrsprachig, fließendes Englisch sprechend, als Übersetzer. In einer Mappe mit Zeichnungen aus jener Zeit finden sich Bögen in englischer Sprache mit Skizzen auf der Rückseite von Lagerlisten von Waren des britischen Militärs. Die britische Kommadantur machte ihn dann sogar zum Reinbeker Bürgermeister, was er aber nur einige Wochen blieb, weil er mit Freunden die Stadtkasse verfeiert hatte.


Häufig wohnte er dann auch schon einige Zeit bei seinen Mäzenen, meist Geschäftsinhaber, Kaufleute und anderen Selbständige wie Handwerksmeistern, aber auch Lehrer und Professoren zählten zu seinen Bekannten. Hatte er Geld, brachte er den Damen des Hauses gewaltige Blumensträuße mit und kaufte im Reinbeker Delikatessenladen Rathmann ein (gibt es noch immer fast unverändert und in Hand der Familie) oder im Feinkostladen Schmiechen am Reinbeker Weg. Familien seines Umfelds hier waren u.a. Gabler, Keylwerth, Lilie, Litschauer, Schmiechen, die Zahnärzte Dr. Stienen und Dr. Kretschmer, Dr. Walter und Rechtsanwalt Lau, Fam. Harder (Blumenladen) oder auch die Inhaber des Gasthofes Zur Schmiede, Familie Timm, wo in der Gaststube eine gewaltiges Gemälde Lorschs hing, das eine am Feuer tanzende Zigeunerin zeigte. Wegen diesem und anderer Bilder aus der Puszta wurde ihm öfter ein Bezug zu Ungarn nachgesagt, den es aber nur insofern gab, als er wohl Ungarn besucht hatte und auch Bilder nach Skizzen von dortigen Motiven gemalt hatte. Er selber unterschrieb diese dann eher scherzhaft mit Sandor und verlieh damit der Legende seiner ungarischen Herkunft eine scheinbare Legitimität.

Eine besondere Beziehung der Familie von Lorsch bestand schon vor dem Krieg zu den ehem. Gutsbesitzern Busold, die ihren Landbesitz westlich von Stettin 1945 an die spätere DDR verloren. Dort hatte der junge v. Lorsch das Gutshaus 1936 gemalt, das sich weiter im Familienbesitz befindet. Offenbar kannten sich die Familien damals bereits. Auch bei den verschiedenen Familien der Reinbeker Dynastie Odefey (Ärzte, Industrie, Banken, Großgrundbesitz) ging v. Lorsch nach dem Krieg ein und aus. Vom Schneidermeister Wittenburg in Aumühle (v. Lorsch lebte zeitweilig bei ihm in Schwarzenbek) ließ er sich Anzüge fertigen und dieser bekam dafür u.a. drei großflächige Aquarelle, eines vom bayrischen Königssee, eines vom Pont Neuf Paris (März 1956) und eines von einem Bergbaubetrieb im Harz bei Goslar (auch vor 1960- wahrscheinlich Bergwerk Rammelsberg, damals zur Preussag gehörig- vgl. GF Grunow s.u.-erste Zeichnung dieses Berges mit Anlage 1784 durch Georg Melchior Kraus für J.W.v. Goethe) sowie vom Königssee/Berchtesgarden (mit blauem Bergwald) aus derselben Zeit, von dort wahrscheinlich Weiterreise nach Zell am See-auch von dort Bilder bekannt).

In Reinbek wurde auch seine Mutter beigesetzt, um die er sich liebevoll gekümmert hatte. Sie starb an einer Krebserkrankung. Unmittelbar nach dem Krieg lebten sie zusammen in einem Bauwagen. Dieser stand zunächst in Ohe (Ölbild von Katen auf Gut Schönau) auf v. Bismarckschen Grund (wo die Mutter möglicherweise den Krieg über verbrachte), dann zwei Jahre auf dem Grundstück der Familie Dahl in Wentorf im Hohlen Weg. Von der Familie bezog man Strom und Wasser gegen Gemälde. Die Kinder Dahl saßen oft bei der Gräfin und bekamen von ihr vorgelesen. Die alte Dame lackierte sich gerne die Nägel, zum Erstaunen der Kinder auch die Fußnägel. Als sie das ihrer Mutter erzählte, erwiderte diese: Das sind eben Künstler. Von Lorsch saß oft in der Nacht in dem Wagen und malte. Morgens rief er die beiden Jungen und sie trugen für ihn die noch feuchten Gemälde zum Reinbeker Bahnhof. Er malte häufig nach Skizzen Bleistift/Kohle von den Vortagen. Wenn sie ihn im Dampfzug begleiten durften, ging es meist in die Bar der Hotels Vier Jahreszeiten und Atlantik, wo er sich mit potentiellen Käufern oder Galeristen traf, darunter auch aus dem renommierten Hause Galerie Commeter. Hatte er im Notfall sogar auf Zeitungspapier gemalt, besorgte ihm jetzt Herr Dahl, der einen Krankenwagen fuhr, aus dem Krankenhaus (Sophienbad) öfter ausrangierte Bettwäsche.


Karl Schmidt- Rottluff (etwa 1959)

Von Lorsch besaß später auch einen Kontakt zum Hause v. Bismarck in Friedrichsruh, Bilder konnte die Verwaltung in Friedrichsruh leider nicht in ihrem Besitz finden. Zeugen erzählen jedoch, dass ihn der Fürst einmal mit dem Chauffeur nach einem nächtlichen Gelage aus Blankenese abholen ließ. In dieser Zeit fuhr er mehrmals nach Schwerin, wo er Werbeplakate für Geschäfte entwarf (ein gewaltiges Schwerinbild mit Schlossinsel und ein kleineres vom Dom). In Reinbek/Wentorf war er auch mit dem Maler John- Heinz Witt befreundet. Durch diesen kannte er auch den bekannten Maler Karl Schmidt- Rottluff (lt. Fr. Stiller, Witts Tochter). Jener hatte von Lorsch wohl auch angeregt, wie er im Tessin zu malen. Die Zeichnungen von Dörfern und Landschaften des Tessin beider Maler ähneln sich, besonders die des Jahres 1954, nicht jedoch die Ölbilder. Besonders liebten beide das Örtchen Montagnola, wo schon Hermann Hesse sich zum Schreiben zurückgezogen und auch gemalt hatte. Möglicherweise malten v.Lorsch und Schmidt- Rottluff zeitweise gemeinsam. Nach 1927/28 reiste Schmidt- Rottluff erstmals wieder 1949 dorthin und nach Norditalien, an den Lago Maggiore, Prato und ins Maggia- Tal. Von Lorsch malte dann viele Jahre auch in den 70igern immer wieder im Tessin, aber reiste zwischen 1953 und 1959 sehr viel auch nach Frankreich, Italien und England (Hamb. Abendblatt 1959). Offenbar besuchte er Schmidt- Rottluff auch in Sierksdorf an der Ostsee (Ostseebild, Häuser am Strand, undatiert, Fam. B.).


Ab etwa 1960 lebte v. Lorsch überwiegend im Westen Hamburgs, in Blankenese (Str. Bockhorst) und Othmarschen, wo er ein Haus besaß (aus der Familie der Frau), heiratete und viele Freunde hatte. Insgesamt war er fünf Mal verheiratet und hat vier noch lebende, eheliche Kinder. In den frühen 70iger Jahren lebte er nach der Trennung von seiner vierten Frau noch einmal fast zwei Jahre in Reinbek in der Pension Scharnberg am Schmiedesberg, wo auch Bilder von ihm hingen. Es gibt auch eine Zeichnung des Hauses von ihm auf der er sein Zimmerfenster markierte. 1971 malte er auch in und um Hitfeld (Artikel Harburger Nachr.). Dort war er im Gasthof Wolkenhauer, Neugraben (Bahnhof) oft anzutreffen, wo er möglicherweise auch untergekommen war. Damals war er bereits mit dem Entwurf zum Gemälde für die Schwimmoper (mehrere Meter hohe Woge ?) befasst, die am 10.01.1973 eingeweiht wurde. Man zog ihn auch zu Konsultationen zur Innenarchitektur des Gebäudes hinzu. Hierbei soll es Streit mit den Architekten gegeben haben. Auch der Hamburger Schokoladenfabrikant Stockmann gab für sich und seine gleichnamige Firma lt. Hamb. Abendbl. 22.12.1951 Gemälde in Auftrag, darunter eine seltene Ansicht des Hamburger Hafens von Neumühlen aus gesehen. Weitere Bilder hingen beim Arbeitgeberverband Nord und Radio Bremen (Guenter Klose, Priester und Freund v.Lorschs). Nach dieser und anderen Quellen kaufte auch der spätere Krupp- Chef Berthold Beitz einige Bilder v.Lorschs, mehrere davon verschenkte dieser aber auch wieder. 1952 heiratet er Silvia von Pogrell, die einen Sohn Michael von ihrem mit 20 Jahren gefallenen ersten Gatten mit in die Ehe bringt. 1959 lassen sie sich scheiden. Beide hatten sich in Hamburg kennengelernt. Sie stammte aus der Lüneburger Heide bei Buchholz ( lt.Hubertus v.P., Großcousin).

Im Jahr 1955 hielt sich der Maler etwa 6 Monate in Hannover in der Erdgeschosswohnung des Bergassessors und Prokuristen der Preussag, Rudolf Grunow auf, Gellertstr. 16 (Tochter Fr. Bässeler, Fulda, Schwester in Vancover). Dort lebte er mit seiner Frau Bibi. Anlass war der Besuch in Hannover wegen Ausstellung im Museum. Dort traf er Frau Grunow, die auch malte, und so blieb er einige Zeit in Hannover, wo er auch Bilder verkaufte. U.a. hatte er auch Kontakt zu Bernhard Sprengel (Schokoladenfabrikant- Namensgeber des Sprengel-Museums für neue Malerei, bes. Expressionismus)) und dessen Kreisen. Da er diesen aber einmal versetzte, riss der Kontakt aber wieder ab. Ein Bild aber erhielt das Landesmuseum, heute in der Sammlung des Sprengel- Museums in Hannover. Es zeigt das Portrait des Literaturkritikers und Schriftstellers Johann Frerking (1884 - 1971). Auch das Verhältnis zu den Grunows litt zunehmend unter v. Lorschs unsteter Lebensweise. Die Familie hat aber seine Kunst stets sehr geschätzt und neun Bilder von ihm gegen Logis getauscht. Aus diesen Tagen liegen auch einige Fotos vor. Auch später, so 1956 und 1958 besuchte er die Grunows erneut. Kürzlich schenkte eine der Grunow- Töchter dem Sprengel- Museum ein Ölbild mit Motiv LagoMaggiore. Damals hatte er auch zum VW Chef Prof. Nordhoff Kontakt, der ihn neu einkleidete und mehrere Bilder erwarb (lt. G. Klose). Ende der 50iger Jahre verkaufte die deutsche Tochter der Firma Cadburry in Bremen zwei Pralinensorten mit exklusiven Motiven v. Lorschs auf den Deckeln.In Hannover entstand auch folgendes Gedicht, von einem Bekannten der Grunows verfasst:

Seht einmal den großen Meister
Vor den Werken, die er schuf.
Er ist einer jener Geister,
die sich nah`n auf schnellen Ruf,
doch die wieder loszuwerden
oft bereitet viel Beschwerden.

Mit dem Pinsel in dem Munde
Sitzt er hier froh zeichnend da.
Jubelnd noch vor einer Stunde,
war er dann dem Selbstmord nah.
Und so ist er oft cholerisch,
depressiv und sehr hysterisch.