Sandro von Lorsch - Expressionist, Europäer, Exzentriker

Eine Recherche von Holger Stienen


Kutter mit Kindern und Pferd (ca. 1975)

Blankenese und Winterhude

Einen weiteren Freundeskreis hatte der Lebenskünstler in Winterhude, wo er auch zeitweise unterkam, so bei Herrn Dr. S. Hinz, ca.1965. Dort entstanden auch viele Bilder besonders an der Außenalster, die auch heute sehr gesucht sind und Liebhaberpreise erzielen. Lorsch sprach etwa ein Dutzend Sprachen und diverse Dialekte.


Mal hatte er Geld und mal keins, mal fuhr er mit dem Taxi und mal ging er, früher immer seine Baskenmütze tragend, zu Fuß. Auch der lange Seidenschal fehlte selten und ebenso wenig die zierliche Pfeife mit langem Schaft. Später konnte er sich ein Mercedes Cabrio 220 Ponton Classic leisten und bisweilen im feinen Lokal Jacob an der Elbchaussee dinieren. In den dortigen Kreisen war er ausgesprochen bekannt und beliebt, auch weil er meist gute Laune verbreitete. Mit Gitarre oder Ukulele soll er mancher hübschen Frau ein Ständchen gebracht haben. Er war durch und durch musikalisch und beherrsche auch die Violine. Gerne ließ er sich bei Familien unterbringen und bezahlte diese mit seinen Bildern, so dass einige Erben heute ein halbes Dutzend oder mehr Bilder des Malers besitzen.

Als er später wieder in Hamburgs Westen zog, war er besonders in Blankenese bekannt wie ein bunter Hund und hatte seine Freunde von den Selbständigen vor Ort bis selbst bei der Polizei, wo in der Wache ein Bild von ihm hing. Dort lebte er zeitweise auch in der Villa einer Dame Frau v. Jena im Hochkamp. Oft erzählten sich die Leute in Blankeneses Gassen schon am Morgen:"Der Graf sitzt wieder unten am Elbstrand, trinkt und malt", (lt. Ehepaar Rahloff Jan 2015), aber tagsüber lieber wenig und wenn dann kaufte er nur Single Malts und gute Cognacs. An Sommertagen malte er auch häufig barfuss. In dieser Zeit hatte er vor Ort enge Kontakte u.a. zu den Familien Bremer, Rahloff (Blumenladen), Meinert (Fleischerei), Schlag (Gasthof, in dem er alle Stammgäste zeichnete. Diese Bilder hingen lange Jahre im Gastraum) und Jürgen Spalleck, einem ehemaligen Geheimdienstler und späteren Hotelier sowie zu Herrn Dr. Oberhoff in Wedel, dessen Frau er portraitierte und mit der ihm eines seiner vielen Verhältnisse nachgesagt wurde. In diese Zeit fiel auch die Scheidung von seiner zweiten Frau Silva. Diese, in ihrer Enttäuschung, versuchte ihn daraufhin für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Als ihn der Amtsarzt Dr. Scheider aufsuchen wollte, verwehrte ihm v. Lorsch mit einem Stuhl den Zugang zur Wohnung. Das Verfahren wurde später eingestellt. Nach Jahren traf er zufällig Dr. Scheider wieder und sie wurden Freunde. Der Arzt kaufte bis 1980 über 20 Bilder von ihm. Einige Zeit lebte er auch Am Quellenhof in Nienstedten und hatte dort einen Herrn Sperber zum Bekannten. Zudem gibt es Portraits eines gewissen Herrn Kurt Joachim Bermann und der bekannten Schauspielerin Tilla Durrieux, der er sehr nahe gestanden haben soll. Dort entstand auch ein Portrait des Fotohändlers Sch…(Schwabroh -Hamb. Abendbl. 6.10.1951).

Ab Mitte der 70iger Jahre dürfte er dann ganz in Winterhude gelebt haben, wo zahlreicher Bilder der Alster entstanden. Er malte aber auch südlich der Elbe so bei Hitfeld, Buxtehude und Stade. Aber er reiste auch weiterhin, bes. nach Paris, Tessin, Norditalien (Bildnis Silvano, 1950- wohl der jugendliche Bildhauer Silvano Bertolin (geb. 1938), Cassara della Deliza, Friaul- Venetien, dieser lebte später in München und war der bekannteste Restaurator seiner Zeit weltweit von Werken der Bildhauerei aus Marmor) und nach Österreich, z.B. Gemälde von Zell am See aus den 60iger Jahren. Er war in dieser Zeit seit mit Helga verheiratet und hatte mit ihr zwei Jungen und ein Mädchen. Sie war eine geb. Meyer, Tochter eines Großbauern aus den Vierlanden. Kennengelernt haben sich beide offenbar, als er die Reitbrooker Mühle malte. In deren Scheune hatte er auch seine Bilder eingelagert, um sie vor der Beschlagnahmung zu schützen. Er hatte damals zeitweise Zahlungen nicht leisten können. In Winterhude hatte er auch einen guten Bekannten, den jungen Unternehmer Sch. , der 20 Jahre jünger war. Auch dort wurde er stets gut versorgt, man trank gerne zusammen, auch mit der Rudermannschaft bei der Sch. im Achter ruderte. Bei ihm übernachtete v.Lorsch auch bisweilen. Seine Stammkneipe hatte der Maler im Hofweg. Bei finanziellen Wohlergehen, das zu seinem Lebensende immer seltener vorkam, dinierte er noch immer in vornehmen Lokalen und genoss Einkäufe im Delikatessenladen Michaelsen. Bilder v. Lorschs hingen auch, nach Aussage dieses Freundes, in einem Gasthof in Rahlstedt. Und ein monumentales Bild einer Woge im Schankraum des heutigen "Kartoffelkeller" im Zentrum Lübecks.

Bereits um 1960, mitten in einer Phase des steilen Aufstiegs, zerstritt sich von Lorsch mit der Galerie Commeter." Offenbar fühlte er sich übervorteilt", so Tancred Flemming, in den 1970igern Mitarbeiter bei Commeter (Sohn des bekannten Kunsthistorikers Prof. Dr. Hans Theodor Flemming). Tatsächlich erhielt er oft wohl etwa nur 1/10 des Preises, den die Galerien erzielten. Infolge dieses "Eklats" stellten ihn auch andere Hamburger Galerien nicht mehr aus und er begann wieder mit einem System der ambulanten Vernissagen in den Stadtteilen und an den Orten wo er im In- und Ausland malte. Diese Tatsache der Ausgrenzung war so etwas wie ein "Karriereknick" und man sieht hieran, wie der Kunstbetrieb mit den Künstlern umgeht und welchen Einfluss er auf Ihre Bekanntheit hat. Damals wandten sich in der Folge auch die Kritiker ab und schwiegen den vor Monaten noch Gefeierten tot.